Tuesday, December 15, 2009

Christstollen


Christstollen.

Wenn meine Großmutter “Stollen” sagte, klang ihr “ll” lustvoll und reichhaltig, mindestens so reichhaltig wie das Weihnachtsgebäck selbst, und versprach Gaumenfreude.

Bohnenkaffee und ein Stückchen Stollen, das gab es zum Advent in ihrer Wohnung in Wattenscheid, damals, als man den Kaffee noch in Porzellankannen zubereitete und diese dann mit wollenen, sonderangefertigten Mützen warmhielt, die von Kleinkindern jedoch gerne zum Spielen heruntergerissen wurden, was hier und da ein verbranntes Beinchen zur Folge hatte. Kaffee und Stollen bot sie auch an in ihrem kleinen Haus, das sie später mit meinem Großvater im Siegerland bewohnte, bis Unbekannte sie nach seinem Tod durch nächtliche Anrufe und Klingelmännchen verschreckten. Auch als sie dann in einer Wohnung eine Strasse über unserer ihre letzten Jahre verbrachte, lockten Stollen und Kaffee die Besucher.  Stollen wurde zum Inbegriff weihnachtlicher Gemütlichkeit und deutscher Adventskultur, und der war die Brücke zu einer alten Zeit, von der man nicht mehr sprach, weil Unaussprechliches nicht in die Weihnachtsruhe gehört. 

Hier in Alaska nun muss ich meinen Stollen selber backen, ebenso mein gutes Graubrot, wenn ich es zu sehr vermisse. Amerikanisches Brot eignet sich fast nicht mal mehr zum Fenster putzen. Wunderbrot nennen sie es, und es wundert mich, dass Menschen diese lappenweichen Luftscheiben essen.

Da meine beiden Versuche, Dresdener Stollen zu backen, nicht so erfolgreich waren, kaufte ich Ministollen beim Metzger, der jährlich ein paar deutsche Lebkuchenbestellungen aufgibt und dann sogar Spekulatius und Dominosteine in den Regalen gegenüber der Fleischtheke anbietet.

Mit einer großen Tasse Kaffee verschlang ich eineinhalb Ministollen und fühlte mich getröstet. Zehn Zentimeter Neuschnee hatte es über Nacht gegeben und die Flöckchen rieselten leise weiter. Die Metzgerin hatte mich gefragt, wie es mir in diesem Jahr ergangen sei und ich merkte, wie einsam mein Leben in diesem großen, weiten Land geworden ist. Wenn ich einer fremden Person, die ich ein, zweimal im Jahr sehe, im Telegrammstil von den Veränderungen im vergangenen Jahr erzähle, ist das eher typisch für Alaska und keineswegs unangebracht. Auch sie erzählte, von ihrer Tochter, die mit einer Mission seit sechs Monaten in Neuseeland ist, und von ihrem Sohn, der mit 23 Jahren nun erst einmal genug hat von Alaska und studieren und arbeiten, und den sie letzte Woche in eine Flugzeug nach Hawaii gesetzt hat, wo er bei einem Freund leben wird.  Mit einer Tüte voller Lebkuchen, Pfeffernüsse und Dominosteine nebst der Ministollen stapfte ich dann hinaus in den tiefen Schnee und holte ein Weihnachtspaket von der Post, wo die Beamten alle in dunkelblauen Sweatshirts mit Weihnachtsaufdruck hinter ihrer Theke stehen. Alle sind schon älter und der Rundausschnitt des Sweatshirts hebt ihre faltigen Hälse hervor, keine vorteilhafte Kleidung, eher etwas fürs Sofa vor dem Tatort. Die Angestellten sehen nicht besonders glücklich aus, aber das tun sie ohnehin nicht, außer Fred. Fred ist der blonde, junge Mann, der an Wochenenden mit einer Singgruppe im Shoppingzentrum auftritt und Weihnachtslieder mit der Zither spielt.

Heute sollte man seine Pakete zur Post bringen, wenn sie es noch bis Weihnachten zu ihrem Empfänger schaffen wollen. Trotz des Auflaufs musste ich nicht so lange warten, da man einen Teil der Schaltertheke für Leute wie mich reserviert, die nur etwas abholen. Hinter mir wartet ein junger Mann in Soldatenuniform, dem ich die Tür offengehalten hatte und der weder danke noch bitte sagte. Vor mir standen fünf Personen, alle älter als ich. Ein Mann mit schütterem grauen Haar, das zu einem bleistiftdünnen Pferdeschwanz gefasst war und auf mittlerem Rücken endete; eine Frau mit wesentlich dickerem Pferdeschwanz, die von vorne aussah, als hätte sie einen Kurzhaarschnitt, eine Frau mit Hut und ein Mann, der in rotem Samtkostüm und Wattebart ausgesehen hätte wir Nikolaus persönlich, dessen lustige Bäckchen und verschmitzte Augen seine Körperfülle betonten wie das Tüpfel sein „I“, und der der müden Beamtin nebenan versprach, morgen ein paar Pakete zu bringen, die seine schenkwütige Gattin heute noch packt.  Ich glaube, dies ist der Besitzer der Rennstrecke für Hobbyformeleinsfahrer, der das letzte Mal, als ich ihn auf der Post sah, über den Regen klagte: „ich habe meiner Frau versprochen, den Schuppen beim nächsten Regen aufzuräumen. Heute wollte ich eigentlich fischen gehen, aber versprochen ist versprochen...“. 

Man geht familiär miteinander um, man kennt sich vom sehen, man ist nett zueinander, man tritt sich nicht zu nahe. Man ist froh, wieder im Auto zu sitzen, man lächelt, war ja ganz nett, man winkt andere Fahrer ein oder aus, man fährt nach Hause. Dort sieht es oft ganz anders aus, als der Postbeamte oder Rennstreckenbesitzer es sich vorstellt. Und deshalb lob ich mir den Stollen und die Tasse Kaffee, obwohl mir jetzt ganz müde und leicht übel davon geworden ist. Wenn die Weihnachtsgemütlichkeit so stark von Zuckerzeug abhängig ist, übernimmt man sich erst und übergibt sich später. Doch in zwei Stunden geht die Sonne schon wieder unter, da wäre es eine Schande, ein stollenbedingtes Nickerchen zu machen, wo wir doch ohnehin nur fünf Stunden Tageslicht bekommen, so kurz vor der Sonnenwende. Also packe ich zwei der drei Hunde und mache einen Spaziergang.