Thursday, January 27, 2005

Ausgebrannt

Herr Ritter stieg aus der Straßenbahn. Vorsichtig setzte er den Fuß auf das Kopfsteinpflaster. Es hatte geregnet und er fürchtete, mit seinen neuen Schuhen auszurutschen. Er hätte auch über den majestätischen Vorhof ins Rathaus gehen können, aber ihm kam es vor wie ein Spießrutenlauf, vorbei an 38 Buerofenstern in drei Stockwerken, aus denen neugierige Kolleginnen und Kollegen in morgendlicher Meditation den ein oder anderen Blick auf Mitarbeiter, Vorgesetzte und Besucher warfen und ihren Gedanken anschließend freien Lauf ließen.

„Der Ritter ist wieder da,“ hörte er sie durch die Doppelglasfenster, „hat der abgenommen oder was?“

„Nee, der war schon immer recht dünn, aber schlecht sieht er aus. Die haben ihn wohl hart rangenommen in der Kur, was?“

„Quatsch Kur, der war auf Entzug. Alk und Pillen. Der schaut doch viel gesünder aus als vorher.“

„Wie lange der wohl trocken bleibt?“

„Ich wette in einem halben Jahr saeuft er wieder....“

„....oder schluckt Schmerzmittel, ich wette mit, wer wettet dagegen?“

Ob real oder geträumt, Ritter war dem Wiederkomm-Ritual nicht gewachsen. Seinen ersten Arbeitstag wollte er in Ruhe und so allein wie möglich verbringen. Er stolperte über etwas Reis, der wohl von einer Hochzeit am Vortag nicht weggekehrt war, aber fing sich schnell und flüchtete zur schweren Hintertuer des alten Gebäudes. Hinein in die Höhle des Löwen, aber immerhin auf sicheren Boden.

Seine Stechkarte, ein infrarot gemessenes Kontrollwerkzeug des Personalamts, nannte er heimlich und nur zu sich selbst Albino-Visa. Es war weniger ein Spitz oder Kosename, sondern vielmehr eine Erinnerung an ihn selbst, dass diese Karte wie eine Visacard, nur eben weiß und ohne Aufdruck abseits des städtischen Emblems, sein Zeitguthaben maß. Er vergaß nie, zu „stechen“, obwohl der Begriff ihm langweilig und erneuerungswuerdig vorkam. Die alten Maschinen, in die man Pappkarten schob und die Arbeitsbeginn und Ende einstanzten, kannte ja von den meisten Rathausangestellten keiner mehr. Dennoch nannten alle das Infrarotmessgeraet „Stechuhr“, ein unbestechliches Instrument.

Na ja. Nicht ganz unbestechlich. Frau Soderbladt hatte ihre eigene Theorie, was zeitliche Verpflichtung am Arbeitsplatz anging. Sie war die einzige Dame im Rathaus. Für Ritter hatte das Wort Dame ebenso ausgedient wie Stechkarte, aber Frau Soderbladt war eben von der alten Schule. Elegant war sie immer; grosszuegig, wenn sie wollte. Die jungen Mitarbeiter ignorierten sie oder nahmen sie nicht ernst, aber ließen sich keinesfalls von ihr einschüchtern. Andere, die ihr zehnjähriges schon hinter sich hatten, kannten sie noch aus der Zeit, als sie die rechte Hand des Chefs war und ihn vor Bittstellern beschützte wie eine Schaeferhuendin ihre Welpen. Jene sahen nun die Entthronte, deren Haar schütter und deren Ton bitter war. Manche hatten Mitleid mit ihr, andere, Geschmähte, verachteten sie und suhlten sich in ihrer Demütigung.

Frau Soderbladt hatte, alles in allem, mit dem Rathaus und ihrer Karriere nach dem Machtwechsel abgeschlossen. Sie lebte –und arbeitete- nun nach der Devise „man muss nur warten können“. Sie wartete darauf, dass alle ihre Gegner und Widersacher nach und nach von Plagen geplagt und von Unglück heimgesucht wurden.

Ritter bewunderte Frau Soderbladt, aber er hatte auch ein wenig Angst vor ihr. Ihr herrisches Wesen erschwerte ihm das Atmen und er fürchtete ihre heftigen, willkürlichen Wutausbrüche. Als ihr einziger Kollege in Zimmer 208 blieb ihm nichts anderes übrig, als ihre Launen auszuhalten und sie zu besänftigen. In den letzten vier Jahren gelang ihm beides immer besser.

Langsam stieg Ritter die kleine Treppe zur Stechuhr hinauf und drückte „Kommen“. Minus dreihundertvierundachtzig Stunden.  Als erstes musste er eine Zeitkorrektur vornehmen lassen und seine Krankenstunden gutschreiben lassen. Allein dieser Akt wird ihm ein Gefuehl vollbrachter Leistung vermitteln und ihm einen leichtfuessigen Wiedereinstieg in den Alltag mit der Kollegin ermoeglichen.

Er eilte in den zweiten Stock und zückte den Zimmerschluessel. Die Tür war unverschlossen – Frau Soderbladt hatte auf ihn gewartet. Er atmete tief ein und drückte fast energisch die Klinke herunter.

„Ja guten Morgen, lieber Herr Ritter, was freue ich mich, Sie zu sehen!“ Frau Soderbladts Stimme klang weich und voll wie ihr Busen, der von ihrer eleganten, wenn auch aggressiv roten Kostuemjacke sinfonisch betont wurde. Sie erhob sich von ihrem Chefsessel und breitete die Arme nach ihm aus. Ihre Hände waren bereits leicht verkrümmt und so zog sie es vor, liebe Freunde und Kollegen, denen sie wohlgesonnen war, mit einer parfümierten Umarmung willkommen zu heißen. Ihr Auftreten stand einer Mahler Sinfonie in Drama nichts nach, aber Ritter konnte deutlich spüren, wie seine Anspannung wich und sein Atem leichter ging. Wenigstens empfing ihn kein Donnergewitter. Er erwiderte die Umarmung steif, aber mit einem Lächeln.

„Lassen Sie sich anschauen, lieber Kollege, meine Güte, sie sehen.....anders aus; anders, aber nicht schlechter, keinesfalls schlechter. Und... was macht der Kurschatten? Gab es eine kleine Liebelei?“ Ritter löste sich aus ihrem Klammergriff und setzte sich an seinen Schreibtisch, der ihrem direkt gegenüber stand. Nach über drei Monaten erinnerte er sich nun wieder an ihre penetrante Neugier und versuchte, sich gemäß seiner Entzugstherapie nicht provozieren und manipulieren zu lassen. Dennoch störte ihn allein die Frage so sehr, dass sein Lächeln zerknitterte wie ein Leinenhemd und er tat, als suche er etwas auf seinem leeren Tisch, um den Ärger in seinen Augen zu verbergen.

Frau Soderbladt ließ ihn nicht lange schwitzen.

„Ach, lieber Herr Kollege, ich darf Sie doch bitten mich für eine klitzekleine Minute zu entschuldigen. Ich muss ganz geschwind mal eine Besorgung machen und noch bei meinem Nervenarzt vorbei. Falls mich jemand sucht, dann bin ich kurz mal austreten, sie wissen schon.“ Sie klemmte sich den Autoschluessel in die linke und ihr Aalledertaeschchen in die rechte, blitzte ihn mit einem unwiderstehlich charmanten, aber gleichzeitig mitleidigen Lächeln an, und schloss die Tür hinter sich.

Stille umarmte ihn, suesse, weiche, belanglose Stille. Ritter stand auf und ging umher wie einer, der zum ersten Mal einen neuen Raum belebt, ihn erforscht, sich zu eigen macht und Variationen der Dekoration durchdenkt.

Er dachte an seine Frau. Zu seinem ersten Arbeitstag hatte sie ihm Eier für sein Fruehstuecksbrot gekocht. Er war sehr penibel, wenn es um die Konsistenz von Eidotter und Eiweiss ging, das er auf einer Scheibe Graubrot verteilte. Das Eidotter musste im ersten Millimeter fest aber streichfähig sein, während der Rest sich flüssig auf der Schnitte breitmachte, die idealerweise vorher mit Mayonnaise bestrichen und mit Zitronenpfeffer besprenkelt war. Laura hatte sich selbst und seine Erwartungen übertroffen. Laura Ritter. Das klang doch viel direkter als Laura Heppenschroth-Ritter. Zum Glück hatte sie sich gegen den Bindestrichnamen entschieden. Eine selbstbewusste Frau wie Laura gab mit ihrem Mädchennamen ihre Unabhängigkeit genausowenig auf wie ihre Identität.

Er rechnete nicht mit Frau Soderbladts Rückkehr vor der Mittagspause. Sie war dem neuen Stadtdirektor ebenso unsympatisch wie den meisten ihrer früheren Mitarbeitern, und so geschah es relativ selten, dass er unangemeldet Ritters Büro betrat. Ritter ueberlegte, ob er sich kurz im Vorzimmer zurueckmelden sollte, liess es aber dann bleiben. Wenn seine Anwesenheit gewuenscht wird, melden sich die Sekretaerinnen schon.

Er nahm wieder Platz und holte ein Zeitkorrekturformular aus der obersten Schublade. Frau Soderbladt kam nie ins Minus. Sie liess ihr Kommen an der Stechuhr registrieren, nahm dann aber den Fahrstuhl in die Tiefgarage und verliess so das Rathaus, ohne dass ihre Abwesenheit als Dienstgang oder sonst festgehalten wurde. Wenn sie nach der Mittagspause wieder erschien, liess sie sich vom Fahrstuhl gleich aus der Tiefgarage in den zweiten Stock fahren. Sollte ihr auf diesem Wege jemand begegnen, den sie einer Unterhaltung wuerdig hielt, und sollte dieser Mensch sie nach ihrem Befinden oder Dienstgang fragen, so wuerde sie ohne zu ueberlegen oder die Gesichtsfarbe zu wechseln antworten und dabei ihr Gesicht in ein breites, viel-Faltiges Laecheln verwandeln, dass jeder weiteren Erklaerung entbehrt.

Ritter konnte sich nicht ueberwinden, das Formular im Vorzimmer persoenlich abzugeben. Er griff zum Telefon, als ihm einfiel, dass er sein Postfach leeren sollte, und so rueckte er seine Krawatte zurecht, warf einen Blick auf seine Schuhe, knoepfte sein Jacket und trat durch die Seitentuer ins Vorzimmer. Er atmete auf, als er niemanden sah. Sein Formular faltete er zusamen und legte es auf den Tisch der zweiten Sekretaerin. Die Chefin wuerde sich nur aergern und gedemuetigt fuehlen, wenn sie seine Zeitkorrektur auf ihrem Tisch vorfaende.

Ritters Postfach war voll. Er brauchte beide Haende, um den Stapel Briefe und Papiere in Elba-Mappen zu fassen. Die Tuer zum Amtszimmer des Stadtdirektors oeffnete sich.

„Ja Ritter, Sie sind auch mal wieder da? Wie ist es ihnen ergangen, lieber Freund?“ Direktor Scheele gab sich jovial. Er mochte Ritter nicht und machte vor seinem Stab keinen Hehl daraus. Ritter konnte sich nicht erklaeren, was er falsch gemacht hatte, aber Frau Soderbladt erklaerte die Antipathie des Direktors mit „mangelnder Chemie“.

„Mit manchen kann er, mit den meisten kann er nicht,“ versuchte sie ihn zu troesten. „Mit Ihnen kann er nunmal nicht, und das ist das. Mit mir kann er ja auch nicht, vor mir hat er Angst, denn ich weiss zu viel, und bei Ihnen hat er jetzt vielleicht auch das Gefuehl, dass Sie zu viel wissen.“

„Aber ich weiss doch gar nichts!“ hatte Ritter protestiert.

„Aber das weiss der doch nicht, der Hornochse. Nun sei’n Se mal kein Korinthenkacker, Schwamm drueber und weiterleben.“ Fuer eine Dame waehlte die Soderbladt manchmal ihre Worte recht deftig.

Direktor Scheele schaute an ihm vorbei aber schien auf eine Antwort zu warten. Ritter raeusperte sich.

„Direktor Scheele, hallo, ja also, heute ist mein erster Tag wieder und ich hatte gerade meinen Zeitzettel korrigiert und....“ Ritter aergerte sich, dass er die Kontrolle ueber seine Stimme und Satzbildung verlor.

„Schon gut, Ritter, machen Sie nur weiter. Ist die Soderbladt nicht da?“ unterbrach ihn Scheele.

„Frau Soderbladt ist mal kurz.... ich erinnere mich nicht mehr was sie sagte wo sie hin ging....“ Ritter sah ploetzlich nicht ein, warum er staendig fuer seine Kollegin luegen sollte, aber Direktor Scheele kam ihm zuvor.

„Ist die Alte mal wieder stiften gegangen? Mensch Ritter, wenn Sie sich und mir einen Gefallen tun wollen, dann notieren Sie das mal. Einfach aufschreiben, wenn sie geht, wann sie geht, wann sie kommt, was sie angeblich macht und so weiter. Das Personalamt kuemmert sich dann schon, aber wir koennen uns wirklich nicht leisten, einen Privatdetektiv auf sie anzusetzen. Die Soderbladt kostet uns schon ein dickes Gehalt, das schmerzt die Steuerzahler allemal. Kriegen Sie das hin?“ Der Stadtdirektor schaute ihm jetzt in die Augen, aber sein Blick war kalt und seine Stimme unversoehnlich.

„Ich tu was ich kann, Herr Direktor,“ antwortete Ritter und spuerte Selbstverachtung in sich hochsteigen. Dann wandte er sich um und verliess den Raum.

In der Herrentoilette hielt er seine Handgelenke unter kaltes Wasser. Er war allein. Seine Haende formten eine Schoepfkelle, die sich mit Wasser fuellte. Langsam fuehrte es sie zu seinem Gesicht und verbarg es im kalten Nass.

So spuerte er seine Traenen kaum.





©2005